Archiv der Kategorie: Allgemein

Vergänglichkeit?

Wir sind fünf Weibs zwischen 70 und 80 auf dem Insel Valentinswerder. Der Sommertag ist unwirklich göttlich, es duftet Linde und eine leichte Brise weht von dem See. Wir sitzen im Schatten und quatschen und lachen. Tratschen so ein bisschen hin und her, wie Frau es so macht, wenn Frau zusammenkommt bis die Frage gestellt wird „Wo möchtest Du beerdigt werden?“. Sofort entsteht eine lebhafte Diskussion über Vor- und Nachteile mit Grabstätten in der Fremde oder in der Heimat und fast alle haben ein Familiengrab, in das sie später reinfallen können. Nächste Frage „Und möchtest Du eine Urne werden?“ lösen auch praktische Bedenken aus. Ja, man kann ja den Sarg nicht im Auto nach Schweden transportieren und wie ist es, darf man die Urne mit ins Flugzeug nehmen überhaupt? Wir lachen und kichern über die wahnsinnige und  Diskussion und gleichzeitig spüre ich persönlich ein Stimme leise hinter meinem Rücken flüstern „Das letzte Mal bist Du noch davon gekommen, aber vielleicht bist Du bald wieder dran..“. Und von dem See kommt die sanfte Brise, die Linden duften und fünf fröhliche 70+Weiber lachen und gönnen sich noch ein Glas Sekt und stoßen auf das Leben an, das wir alle so lieben und das so schnell verrinnt!

Bilder # 72871878 Häßler und 51716925 aleciccotelli Fotolia

Herrlich kriminell..

Sitze im ICE Berlin –Frankfurt Main. Genau vor meinem kleinen Abteil  (ich hasse aber eigentlich Abteile, habe immer Angst davor, dass das stinkende Reise-Ei ausgepackt wird, nachdem meistens eine ältere Dame das kleine Tüchlein auf dem Schoß ausgebreitet hat) hängen  brav 4 Müllbehälter, ein für Papier, ein für Abfall, ein für Flaschen, ein für Verpackungen.

Ordentliche Mitreisende sortieren brav ihren Müll. Nach einer Weile kommt ein Bahnarbeiter mit einem großen orangefarbenen Plastiksack und was macht er wohl? Startet bei Müllbehälter Nummer 1 und arbeitet sich vor bis Müllbehälter Nummer 4 und SCHWUPS – ALLES rein in den orangen Plastiksack. Gehe genussvoll hin und werfe Papiermüll in den Verpackungsbehälter und fühle mich sehr herrlich kriminell!!

Heimwehalarm..

Heute gab es höchste Alarmstufe im Heimwehherzen. Es tat richtig, richtig weh und die Tränendrüsen wurden vom Gehirn ständig aufgefordert „Anfangen, Wasser marsch!“.

War zum ersten Mal in meinem 74-jährigen Leben in einem Sommergottesdienst, der in der Natur und vor dem Sonnenaufgang stattfinden soll, s.g. „Kuckucksmesse“. (Wir haben etwas geschummelt, die Sonne war schon da und den Kuckuck, den wir gehört haben, war wohl nicht ganz so echt..). Mitten in Berlin, mittemang. Bin in Stockholm, mitten in der Stadt, aufgewachsen und da isses nicht so doll mit der Natur, denn die braucht man unbedingt zu dieser Kuckucksmesse. Ach ja, wir Schweden haben schon seltsame Dinge.. Da saßen wir nun alle in dem wunderbaren Garten der schwedischen Gemeinde, in dieser Oase, mitten in Berlin. Wir bekamen wunderbaren Chorgesang, direkt aus Schweden, und wir sangen selbst die Lieder, die mich an ganz viel früher erinnerte. Hier galt es dann dem Gehirn zu sagen, „Lass die Tränendrüsen in Ruhe – hier nicht! Stopp!“ Und ich dachte an alle, die jetzt „aufs Land“ in Schweden fahren, zu ihren Sommerhäusern, an die Farben, an das Wasser, an die Natur. Die Sehnsucht dorthin zu fahren (aber auch nach Hause), Sehnsucht nach der Ruhe, nach der Natur. Okay, dass es dann vielleicht die ganze Zeit regnet und der Schimmel ins die Datscha kriecht, damit versuche ich mein Heimweh totzuschlagen. Iss ja nicht so, dass ich Euch einen Regensommer wünsche, aber würde mir schon etwas helfen..

Mein Papiermüll im Krankenhaus..

Gestern war ich auf dem Weg, meinen Papiermüll zu entsorgen und hatte ihn in so eine Plastik-stoff Tasche gesteckt, die jeder umweltverantwortlicher Mensch jetzt bei sich führt. (Denk an den kleinen Eisbären..). Die Tasche hängte ich über den Lenker (tue das bloß nicht!!). Ich konnte zwei Umdrehungen machen und dann war Totalstopp – aber sowas von Totalstopp – und die Rentnerin flog über den Lenker auf den Boden. Hoho! Und warum landet man immer auf den Kopf? Ist es wie mit dem Marmeladebrote, der immer mit der Marmeladenseite auf den Boden landet? Blutete wie ein kleines Schweinchen und zwei freundliche Männer hielten an, schlossen Fahrrad an, holten den Krankenwagen und wünschten mir alles Gute. Die Kinder die auf dem Schulweg waren freuten sich über eine Abwechslung. Und auf dem Boden saß die Rentnerin und murmelte „Scheisse, Scheisse, Scheisse.. (ich weiß, liebe 130 cm, es ist ein verbotenes Wort..).“. Jedenfalls Krankenwagen kam und die Rentnerin mitsamt ihrem Papiermüll wurde verstaut. Es ging dann in die Notaufnahme, in die Röntgenabteilung  um dann in der Abteilung zu landen. Der Müll und ich… Man wollte mich über Nacht dort behalten, „man weiß ja nie“ und nun lag ich mit meinem Papiermüll dort und dachte über das Leben nach. Am Morgen entschloss ich, mich zu entlassen, die Schwestern schauten verwundert als die Rentnerin mit ihrem Papiermüll abmarschierte, nahm ein Taxi und fuhr nach Hause und hielt an dem Papiercontainer an, wo ich von meinen Reisebegleitern Abschied nehmen konnte. Ein Glück, dass es nicht normaler stinkender Müll war…

ps. die blühende rote Kastanie vor dem Fenster des Krankenzimmer hat mich fast entschädigt.. zauberhaft..

Das wundersame Leben..

Was ist mit meinem lieben „Tränendes Herz“ in diesem Jahr los? Schon der Name macht, dass ich mein Blümchen noch lieber habe und die Tatsache, dass ich sie von einem sehr lieben Menschen bekommen habe, macht das Ganze noch herzlicher. Aber in diesem Jahr hat sie sich scheinbar entschieden, dass ein klitze kleines Herz für die Besitzerin genug ist, die es ja auch nicht so dolle mit dem Herzen hat. Sagen wir mal rein anatomisch jedenfalls – hoffe ich.. Oder hat sie sich entschieden, mit einem zart rosa Herzen nur mit mir solidarisch zu sein?

Aber andere seltsame Dinge geschehen. Vor einigen Tagen haben einige (beliebter Berlin-Sport)  sich damit amüsiert, allzu viele Flaschen kaputt zu machen und vor meinem Haus verläuft ein ausgewiesener Radweg, der sehr gerne und flott genutzt wird und ich dachte mir, das gibt Elend über Elend. Also schnell Besen her und gefegt und gefegt, dass keine klitzekleine Scherbe noch da lag. Und gleichzeitig habe ich 111 x Verdammnis ausgesprochen weil es mir NIE gelingt, jemanden in Flagranti zu erwischen. Und dann? Am selben Tag habe ICH einen Platten am Hinterrad und da kann Frau ja anfangen sich über seltsame Dinge zu wundern und sich fest  im Glauben zu üben…

 

Wie doof darf frau/ich sein??

Mein morgendlicher Frühsommer-Ausguck vom Balkon.  Kontrolle ob eine neue Blume sich über Nacht aufgemacht hat,  schauen wie weit das Baumgrün unten auf dem Platz gediehen ist (leider auch sehen wieviel Müll sich am Abend angesammelt hat, aber das stört das Schöne zur Zeit nicht). Und WAS SEHE ICH??? Da sind zwei ältere Leute, die den Glascontainer Zacki-Zacki sauber machen. Ein älteres Paar das putzt und putzt,  so dass es glüht. Kann nicht wahr sein! Es gibt noch mehr Nachbarn, die sich engagieren?!? Muss sofort runter, „Hallo“ sagen und Kontakt aufnehmen – je mehr wir sind umso besser. Fröhlich schlüpfe ich aus dem Schlafanzug in „Normalkleidung“ und laufe hinunter. Dann sehe ich es – das offene Transportfahrzeug der Firma X steht dort mit dem Reinigungsmaterial. So war es also – keine engagierte Nachbarn.. Wie blöd darf ich sein??

Bild Sophie Herken

Leben wir in Deutschland doch in der Cyber-Steinzeit?

Heute musste ich verschiedene Überweisungen für Fachärzte holen.  Frau ist nicht so ganz courant. Zuerst quer durch Berlin Richtung Westen – wir wissen alle,  dass Berlin groß ist, gell? Hatte klugerweise vorher angerufen, da ja letzte Woche Ostern war und der ermattete Arzt muss ja auch mal Urlaub haben dürfen.  Das in der Praxis zurückgelassene zarte Geschöpf erklärte mir, dass der Gott in Weiß nicht anwesend sei, aber ich könnte die Überweisung dennoch bekommen. Gesagt getan.

Jetzt quer durch Berlin ins wilde Wedding. Wir wissen immer noch wie groß Berlin ist, gell? Hier stand ich dann vor der Tür mit dem Aushang, dass die Praxis diese Woche geschlossen sei. Ich hatte nur die Webseite angeschaut, nix von Urlaub also reingelegt und so durfte ich wieder ein bisschen quer durch Berlin fahren. Gönnen meiner Lieblingspraxis jeden Urlaubstag – echt..

Warum kann man das alles nicht elektronisch erledigen? Auch das Abchecken der KK-Karte – das ALLER WICHTIGSTE UND HEILIGSTE – müsste doch irgendwie elektronisch möglich sein. Ja ja, Top-secret… Wieso kann ich als Übersetzerin für Kunden bei Behörden in Schweden einfach anrufen und Meldebescheinigungen bestellen, die – jetzt ganz tapfer bleiben – an mich – wildfremde Person ohne Vollmacht – sofort geschickt werden?  Aber solange ich keine Steintafel und keinen Meißel mit mir herumschleppen muss, soll ich wohl dankbar sein?

Bild 181635848 Magnus Fotolia

Zäh, zäher, am zähesten..

Diese alte, welke Tulpe radelte heute Morgen, früh, ganz früh, zum Fitness und kämpfte mit allen elenden Geräten und schielte verstohlen nach links und rechts wo ganz anderes gehoben wurde.. Nach einer Stunde war die Qual vorbei und ich etwas moralisch gestärkt und wie glaubt Ihr wohl, dass die Tulpe jetzt aussah?  So??

Nee, immer noch so.. aber kein Grund zur Traurigkeit (sagen alle anderen und was wissen sie eigentlich wie verdammt zäh es ist?). Und war lernen wir jetzt daraus? Zäh, zäher, am zähesten.. Aber es MUSS wieder werden…(sagen die anderen..)

So warm fühlt sich Empathie an…

Bin ein relativ neues – nee doch nicht neues, eher nicht so aktives – Mitglied eines internationalen Frauenvereins. Frau trifft sich einmal im Monat beim Vortrag, Plausch und bei anderen echt tollen kulturellen Angeboten. Die Damen sind mir noch nicht so richtig nah, ich komme mir da eher wie ein komischer Vogel vor. Die Damen sind ausgesprochen freundlich aber ausgesprochen gebildet, wohl situiert und gehören einer ganz, ganz anderen sozialen Schicht an als meiner einer im assigen Wedding.

Gestern war ich seit meinem Herztod zum ersten Mal wieder dort. Dachte, dass sich mein kleiner Unfall noch nicht so rumgesprochen hätte und nicht so wichtig wäre, aber wurde von der so intensiven Wärme, Herzlichkeit, Empathie so überrascht, die mir geradezu entgegenschlug und umarmte. Damen, mit denen ich eigentlich noch nie gewagt hatte, ein Wort zu sprechen, kamen auf mich zu und sagten, wie glücklich sie darüber waren, dass ich das alles überlebt hatte. Gefühle, die vom Herzen zu kommen schienen. Langes Händeschütteln mit mitfühlendem Ausdruck. Wusste gar nicht, dass sie meine Wenigkeit auf ihrem Schirm überhaupt notiert hatten. Meiner einer…

Okay, ich werde – versuchen –auf(zu)hören, über meinen kleinen Unfall zu schreiben, aber das hat mich doch so sehr berührt und fuhr glücklich mit wunderschönen Blumen und mit meiner lieben, ollen U9 nach Hause. Den ganzen Abend war ich glücklich und berührt.. Meiner einer… Ach ist Empathie doch wunderbar.. Und Euch allen anderen wunderbaren Menschen – Danke, ich trage Euch immer in meinem etwas ramponierten Herzen..

Bild: Ballon Robert Kneschke Fotolia

 

Mein fremdes Ich

Ich beschließe heute, dass HEUTE der TAG ist, an dem ich wieder anfange, Rad zu fahren. Das 3-Monats-Verbot ist passé und auf dem Weg zu meinem lieben alten Rad – habe jeden Morgen vom Fenster aus nachgeschaut, ob es noch da ist, ob nicht irgendjemand z.B. (wieder) Gefallen an meinem Sattel, Licht gefunden hat – kommt der Gedanke:“ Das Rad hat ein Schloss (logisch – ansonsten wäre es schon längst über alle Berge, die wir in Berlin zwar nicht haben, aber..) . Also muss ich das Schloss aufschließen. Wie geht das? Wo ist der Schlüssel dazu?“ Nach einer Weile sehe ich an meinem Schlüsselring einen kleinen Schlüssel, den ich lange nicht mehr benutzt habe und Voilá! Für mich ein ganz fremder Gedanke: Ich weiß nicht, wie ich mein Rad aufschließe! Ein sehr unangenehmes Gefühl – irgendwas ist in meinem Kopf passiert und es ist scheinbar nicht mehr nur mein Kopf. Jemand hat irgendwas dort weggenommen. Bitte, gib mir alles wieder zurück! Alles!!

 

Vertrauen..

Habe 130 cm in der Schule abgeholt und wir haben zuerst das Survivalpaket bei Edeka und in der Bäckerei eingekauft. Gut dass die Eltern das nicht mitbekommen.. Dann sitzen wir friedlich zu Hause und arbeiten mit Bügelperlen – ich muss auch – hören Bibi und Tina und Friede herrscht.- Da ich etwas Schmerzen habe, lege ich mich aufs Sofa – das tut gut. 130 cm fragt mich warum ich dort liege. Sage ihr ehrlich, dass ich Schmerzen habe und, dass es gut tut. 130 cm dreht sich zu mir um, schaut mich kurz an und sagt: „Du stirbst wohl jetzt nicht?“ und arbeitet fleißig mit den Bügelperlen weiter, nachdem ich ihr versprochen habe, nicht gerade jetzt zu sterben. Gut wenn sie Vertrauen dazu hat, dass ich entscheide, wenn es wieder mal so weit ist..

Bild Fotolia 72871878

Ein besonderes Aufräumen..

Das Leben ist manchmal etwas verwunderlich, und obwohl ich bald 74 werde, verstehe ich  es nicht immer. Habe jetzt eine Weile mit der Grippe im Bett gelegen (ja, man nimmt was man hat..). Fieber, matt, nachts ohnmächtig auf den Boden gelandet, der so elendig kalt war und erst nach langer Zeit so viel Kraft mobilisieren können, dass ich in mein kuscheliges Bett wieder kam. Aber ok – es war keine Grippe, es war/ist eine heftige Bronchitis, aber die Grippe hört sich doch etwas dramatischer an.

Aber jetzt hatte ich es satt, sinnlos leidend hier in der Wohnung herumzuschleichen (bei 55 qm ein Kunststück) und hatte einen ausgezeichneten Therapieplan – ich setzte mich vor meiner Speisekammer, zwei IKEA-Schränke mit allem, was Frau essensmässig so braucht, und fing mit dem „Sterberäumen“ auf. (Das ist ein wunderbares Wort aus der schwedisches Sprache. Man räumt auf, damit die Nachkommen nicht so viel Arbeit damit haben).130 cm kontrolliert immer, ob alles noch haltbar ist und rügt mich – ein Glück, dass ich ihr zuvorgekommen bin, hatte antike Packungen aus 2016!! Das Enkelkind hätte sich vor Ekel gewindet. Meine Versuche ihr zu erklären, dass es nicht lebensbedrohlich ist, scheitern. Der besondere Korb mit den Süßigkeiten wird akribisch immer auf Haltbarkeit untersucht, und sie widersteht jede Versuchung, womöglich ein Kaugummi aus Januar 2018 zu verzehren. Das nenne ich Charakter!

Aber da saß ich auf dem Boden vor meinen IKEA-Schränken und fühlte mich durch mein Sterberäumen sofort viel gesünder!  Und schickte einen liebevollen Gedanken an meine Favvo-Schriftstellerin Bodil Malmsten  „ Wir die leben, sind nur Tote im Urlaub. So eine Art Sommer-Gäste“. Sie hat uns als Sommergast leider schon verlassen.

Liebe Bodil! Fühle mich dennoch gleich etwas gesünder!

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