Wenn das Leben sich im freien Fall befindet.

Das Leben läuft so wunderbar vor sich hin, alles ist gut. Frühling ist im Anmarsch, die Sonne scheint  und das Grünzeug draußen schlägt aus. Alles ist perfekt. Und innerhalb einer Minute wird die Idylle zerschlagen. Ein Telefongespräch von dem Arzt aus dem Krankenhaus, in dem ich war. Er berichtet, dass “ ja, das Ergebnis ist positiv, ich habe XXX“. Wie immer nehme ich das als alte Sekretärin auf, notiere es mir, bedanke mich höflich, wünsche ihm ein schönes Wochenende und lege auf. Okay, für ihn ist es Pille-Palle, es gibt Menschen, die viel schlimmer dran sind, für ihn ist es Alltagsessen sozusagen. Höre an seiner Stimme, dass er jetzt schnell zu seiner Familie nach Hause möchte und diese ollen Patienten endlich hinter sich lassen möchte. Verstehe ich! Etwas stolz ist er, dass sie das richtig diagnostiziert haben,  da es wohl nicht so einfach und sonnenklar war. Bravo, vielleicht sollte ich ihm ein Fleißkärtchen schicken?

Nachdem ich aufgelegt habe fängt es in meinem alten müden Gehirn an zu arbeiten. Das Gehirn ist mit den Tränenkanälen fest gekoppelt.  Fange sofort an zu googeln. Sollte man ja eigentlich nicht machen. Gehirn arbeitet mit den Tränenkanälen zusammen und es läuft. Ich heule Rotz und Wasser. Bin ja alleine und kann das tun und hadere mit meinem Schicksal. Wieso schon wieder so eine Scheissdiagnose? Zum zweiten Mal! Ungerecht. Klar, weiß ich,  dass es viele Menschen gibt, denen es viel schlechter geht, ich bin verwöhnt und egoistisch. Jammern auf hohem Niveau. Hier sitze ich und heule mit 73 Jahren? Was will ich denn eigentlich mehr? Wird doch sowieso bald Zeit, den Löffel abzugeben.  Und bei uns in Schweden ist es eine Todessünde – ich weiß nicht welche Nummer sie hat – sich selbst zu bemitleiden. Ist fast so schlimm als würde mich sich selbst loben. Nun, das tue ich ja wirklich nicht. Also sind wir quitt? Gehen wir wieder auf „Los“?

 

6 Gedanken zu „Wenn das Leben sich im freien Fall befindet.

  1. s.horn

    Ich finde nicht, dass es Jammern auf hohem Niveau ist. Diagnosen sind so eine Sache, sie rucken mal eben ruckizucki das Leben in eine Bahn, die man doch eigentlich nicht haben wollte. Und ich google auch immer, wenn die mir was sagen, was es sein soll. Meist in der Hoffnung, die würden sich einfach irren. Irren ist ja menschlich und Ärzte sind ja auch nur Menschen. Ich habe da auch nie Glück, doch einmal mit der Brustkrebsgeschichte. DAS werde ich wohl auch nicht mehr vergessen. Aber davon ab: Es ist egal, wie jung oder alt man ist, man hat nie genug gesehen von der Welt, nie genug Erfahrungen gesammelt, nie genug Sonnenaufgänge gesehen, nie genug gelernt, es gibt also keinen passenden Zeitpunkt für Sch***-Diagnosen oder aber einen passenden Zeitpunkt, abzutreten. Fühl Dich mal ganz doll gedrückt. Ich bin so froh, dass es Dich gibt und dass ich hier bei Dir lesen kann.

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    1. Cecilia Stickler Beitragsautor

      Danke Dir für die warmen Worte. Nee, das stimmt, es ist n i e passend – eigentlich ist es wirklich weder dann noch dann sondern wirklich NIE passend aber wer fragt schon danach.. Nun am Donnerstag habe ich die wichtigen Arzttermine und hoffe dann insgeheim dass sie sagen „Gute Frau, alles halb so wild, Sie haben Riesenglück!“ aber irgendwie glaube ich nicht daran. Wenn von 1 Million 3 Frauen die Kopfthrombose bekommen die ich bekam, und diese Sache auch so selten ist, und ich mit meinem Fernsehlos Aktion Mensch NIE Glück habe, dann sollte ich gerechterweise doch dieses Mal Glück haben, oder??

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  2. Nina

    Ich drücke dir ganz fest die Daumen, liebe Cecilia. Natürlich darfst du jammern. Ich halte mich da ganz selten zurück. 😉 Solltest du am Donnerstag bei der Diagnose bzw. der Therapie viele Fragen oder Zweifel haben, dann zögere nicht, eine Zweitmeinung einzuholen. Ich weiß, das kostet Kraft, aber manchmal fühlt man sich von Ärzten überrumpelt und eh man sich versieht liegt man unterm Messer. Nur nichts überstürzen. Du musst dich gut aufgehoben fühlen, dann passt es.

    Ganz liebe Grüße
    Nina

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    1. Cecilia Stickler Beitragsautor

      Danke Nina – ja ich weiss, man sollte vielleicht eine Zweitmeinung einholen aber irgendwie ist die Luft raus. Ich möchte jetzt nur noch einen Arzt haben, der mich nicht gehetzt anschaut und am liebsten innerhalb von 3 Minuten wieder von hinten sehen möchte. Ich schreibe mir so viele Fragen auf da ich nicht mehr googeln mag. Dabei wird mir immer doch etwas mulmig und denke, ach, vielleicht habe ich Superglück und gerade bei mir ist es doch nicht so schlimm.. wir werden es ja sehen, aber was willst Du mit 73 noch? Wird Zeit..

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  3. Nina

    Verstehe schon, dass du keine Lust auf einen Ärztemarathon hast.
    Aber zu deiner Aussage…73…also nein – man ist nur so alt wie man sich fühlt, sagt mein Nachbar und der ist über 90. Er hat übrigens auch gesagt – und das finde ich besonders interessant – dass es ab Mitte 80 wieder besser wird mit dem Körper. Wenn man es mal soweit geschafft hat, geht es wieder aufwärts. Erst fand ich die Aussage total witzig, aber er hat es wirklich Ernst gemeint und spricht aus Erfahrung. Also dann…du musst nur den kleinen Hügel hochstrampeln und dann rollt es wieder.

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    1. Cecilia Stickler Beitragsautor

      Na gut Nina, dann spucke ich nochmals in die Hände und strample weiter.. Danke für Deine Aufmunterung :-))

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